Unabhängigkeit ist nicht der maximale Abstand von anderen

Ich habe mich schon bei der Lektüre der Ethical Slut gefragt, wie zur Hölle die Autor_innen noch andere erfüllende Dinge in ihrem Leben unterbringen. Ich mein, da sind Liebeleien, Lebenspartnerschaften, Freund_innenschaften, Kinder, Erwerbstätigkeiten und diverse verschränkte Haushalte und der ganze Tag besteht aus caring und sharing aber vor allem letzterem. Und ich habe mich bei dem vorschnellen Urteil erwischt: Diese Beziehungsdichte erscheint wie die Vermeidung von Unabhängigkeit.

Vllt. ist es auch mein spezielles Bedürfnis als Kind einer Psychologin mit großen Erwartungen an die Beziehungen mit den Kindern, mich immer wieder in einen Raum nur für mich zurückziehen zu müssen, um sortieren zu können, wo ich anfange und wo ich aufhöre, was die Gefühle der anderen sind, was meine, wo die Vermengung ok ist und wo sie über mich hinweggeht und etwas von mir tilgt. Es gab Jahre, da habe ich viel Zeit dafür gebraucht: Ausklamüsern, mich betasten. In den letzten Jahren sehe ich, dass meine Entscheidungen im alltäglichen Detail immer mehr dazu führen, dass ich effektiver sortiere – weil ich mehr Zeit in Gemeinsamkeiten verbringe; um mehr Zeit in Gemeinsamkeiten zu verbringen. Vllt. ist das eine gewonnene Fähigkeit. Ich muss auch nicht mehr so viel tagträumen, ich schaffe es im Wachzustand, meinen Abstand zu den Dingen einzustellen, wie Ichs brauche. Und nebenbei male ich Thestrale mit Filzstiften.

Nur aus einer Lebensgemeinschaft mit einem biologisch und zunehmend auch sozial männlich identifizierbarem(ich betrachte das nach wie vor als ergebnisoffen, das ist eine Momentaufnahme) Kind mit enormen emotionalen Aufträgen an mich und dessen Erzeuger, der einen ähnlichen Bedarf an mich herantrug, musste ich mich lösen. Ich habe gemerkt, dass ich meinem Kind und der Bindung, die ich zwischen uns anstrebe, nur gerecht werden kann, wenn ich diese Dreimensch – eine Frau – zwei männliche Wesen – Kiste auflöse. Ich habe so sehr nach einem eigenen Raum gedürstet! So sehr.

Und je mehr ich ihn hatte, desto mehr habe ich ihn mit anderen Menschen besiedelt. Das geht, weil es Menschen sind, die keine exklusiven Ansprüche an mich haben, trotzdem wir uns Sicherheiten geben, das Back-up für dieses ‚Leben’. Mit denen wir Tänze tanzen von nahen Phasen und unnahen (Wobei ich mich hier mit den Worten schwer tue: gibt es keines, dass ein Anderes von Nähe beschreibt ohne es als defizitär zu markieren? Oder nehme nur ich das so wahr? Denn temporär andere Zustände als viel Zeit miteinander zu verbringen, sind ja nicht das Gegenteil von Nähe und auch nicht deren Abwesenheit, sondern vllt. sogar eher eine aus ihr heraus geborene Möglichkeit…Naja: Sagen wir Nähe mäandert halt.) und Bindungswünsche verteilen auf Charaktereigenschaften, Temperamente, Betroffenheiten – auf verschiedene Personen.

Zunehmend kann ich Beziehungen wertschätzen, deren Haltbarkeit ungewiss ist. Das konnte ich bis vor einem Jahr oder weniger nicht, ich war auf eine Idee von Bindung programmiert, die voraussetzt, dass die Investition sich lohnen muss, dass du nur vertrauen kannst, wen du lange kennst, dass du Zeit und Fürsorge nur gibst, wenn es über den Moment hinaus Sinn zu machen scheint. Und nun merke ich, dass das gar nicht meine Brille ist. Ohne sie sehe ich klarer. Nähe kann auch gelebt werden, einfach um in diesem Moment gelebt zu werden. Um sie einen Moment zu genießen, nicht um sie als Basis für irgendwas anderes auszubauen.

Aber ich stoße auf innere Verbote (davon habe ich viele und wie mühselig ist es, sie zu erkennen und aufzudröseln: woher kommt das, macht das Sinn, traue ich mich, die möglichen Konsequenzen heraufzubeschwören, wenn ich es übergehe? Und ist die Vorstellung von Konsequenzen auch nur Ausgeburt dieses Regulationsmechanismus’ – die Androhung von Strafe bei Missachtung?): Du darfst nicht eine Gelegenheit, Zeit für dich allein zu verbringen, ungenutzt verstreichen lassen! Sie wird dir fehlen, du wirst die ganze Woche unausgeglichener sein. Deine Unabhängigkeit löst sich allmählich in Wohlgefallen auf. Wie kann es sein, dass du auf möglicherweise produktives Alleinsein verzichtest, nur um zu kuscheln?? 

Manchmal wünsche ich mir mehr Nihilismus. Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich doch wieder frage, was das Richtige ist. Wenn ich zwischen zwei Beschäftigungsoptionen entscheiden soll/kann: Treff ich Liebhaber a oder a2? Bleib ich heut Abend allein oder geh ich auf die Party, zu der alle(mindestens!) Anderen auch gehen? Der Versuch, eine Strategie zu entwickeln, die Zukunft berechenbarer zu machen, anstatt dem Gefühl zu folgen. 

Aber das ist tricky: Nur dem Gefühl folgen, geht aber auch nicht, denn das ist ja keine pure Angelegenheit. Klar ist auf den Bauch hören ganz toll, aber der ist ja auch nur Kind seiner Zeit, ein Produkt der Umwelt, in der wir groß geworden sind. Und grade bei dem Versuch, alle Beziehungen mit polyamourösen Ideen zu untermauern, gibt es ja nix in mir, woran ich mich orientieren könnte: Ich muss das ja neu erfinden. Denn in mir gäbe es nur so althergebrachten Schmarrn: Liebe ist, wenn du das Gefühl hast, du müsstest sterben, wenn die Person geht. Und: Wenn du nicht diese eine Person für alles findest, wirst du immer allein sein und kein erfülltes Leben haben (du kannst versuchen ersatzweise Karriere zu machen, wenn du genug arbeitest, brauchst du keine Liebe). 

Und so stoße ich bei der Suche nach Antworten in mir immer wieder auf rudimentäre Anflüge, wie die Sorge, dass die Verbindung zu einer Person schwächer würde, weil eine weitere auftaucht. Und um diese Schwachstelle zu überbrücken, muss der Kopf – oder genauer gesagt: die linke Gehirnhälfte –  integriert werden in die Entscheidung. Also: Es würde mir leichter fallen a zu treffen, weil das mit a2 sich ein wenig unsichrer anfühlt, weil ich da keine Zahnbürste hab. Aber ehrlich, soll das jetzt die Grundlage meines Genusses sein? Ich mag ja die Kombi aus freiem Rausch und Zähneputzen. Und das Irre: in dem Moment, in dem mir das klar wurde, habe ich gemerkt, dass ich beides von beiden bekomme und es in keiner Situation angemessen ist, eine Beziehung (ich meine alle, nicht nur die, wo Sex eine Rolle spielt), auf eine konkrete Funktion festzulegen. Und die Vielheit von Beziehungen macht es mir tatsächlich grad möglicher, die Vielheit innerhalb jeder einzelnen Verbindung zu fühlen und genießen.

In meinem Falle ist klar, in dem Drang allein zu sein, lag ganz viele Jahre wie ein schwerer Stein am Grunde eines wilden Wassers die Angst, jemandem nah zu sein, was die Angst ist, dieser Nähe unberechenbarerweise plötzlich wieder beraubt zu werden. Für mich ist der Verzicht auf das Alleinsein – die Erkenntnis, dass Zeit mit anderen Menschen zu verbringen, genauso ‚wertvoll‘ oder sagen wir ‚nährend‘ für mich sein kann, wie die Quality-time, in der ich alleine in meinem Zimmer sitze – auch ein Verzicht auf die Angst zu verlieren. 

Vllt. Ist Liebe eher was Sphärisches: Ein Dunst, der mich umgibt, in dem Verbindungen von Teilen von mir und Teilchen verschiedener Personen schwirren. Momente, in denen ich Nähe fühlen kann, ohne mich fixiert zu fühlen. Und in der Fähigkeit, von dem Zwang zum Alleinsein Abstand nehmen zu können, liegt im Moment meine spezifische Unabhängigkeit. 

StabiLabilität

Es passiert mir gerade zum zweiten Mal, dass das Leben in einer Gemeinschaft dazu verführt, mich auf mich und den Mikrokosmos der Beziehung mit meinem Kind(beim ersten Mal waren es die Überforderung und Einsamkeit, die sich aus der Geburt eines Kindes ergeben, die in Kombination mit den Bedingungen in einem anderen Hausprojekt zu einer verstärkten Abhängigkeit vom Liebesbeziehungsmenschen geführt haben, was ich sehr hatte vermeiden wollen, er durfte nichtmal mit einziehen(!)) zurückzuziehen. Wenn der Wohnungsmarkt anders wäre, wäre ich vermutlich schon vor zwei Wochen in eine Zweiraumwohnung gezogen: von innen an die Tür gelehnt und durchgeatmet. Nichtsda.

Die ökonomischen Eckpfeiler meines Lebens (theoretisch könnte ich sicher gaaanz viel aus mir machen, Texterin für Gossip-Blättchen im Netz oder sowas oder die ewige Assistentin in den Mühlen der Nichtregierungsorganisationen) und einige nicht ganz unbeachtliche ideologische Einfärbungen im Hirn vereiteln mir aber meinen Fluchtimpuls und ich muss bleiben und mich mit den Gegebenheiten angemessen auseinandersetzen – auch wenn es irgendwie nicht wirklich meine eigenen sind.

Den Ort hatte ich mir ausgesucht, weil ich für mein Kind stabile Kontakte und für mich heilende Mütterlichkeit wollte, was ich mir beides von einem sehr familiär auftretenden FLTI-Haus versprochen habe. Für mich war klar, dass das ein Übergangsort sein würde und ich wollte in ein gemachtes Nest mich einkuscheln und auf Dinge im Außen konzentrieren. Nun wird mich der Übergangsort so viel Kraft kosten, dass ich es nur mit großen Mühen schaffe, mich um die Dinge zu kümmern, die eigentlich Priorität haben sollten nach so verfickt vielen Jahren, die ich mich nun mit privatpolitischem Kram rumgeschlagen habe: ich will nicht mehr über Putzpläne reden, über Geld und Gemeinschaftskassen, ich will nicht mehr einkaufen, ich will nicht mehr nett zu Zwischenmietis sein, ich will doch eigentlich ein Systemangriff sein.

Ich stoße in meinen Wünschen immer wieder auf diese ein-Mensch-für-alles-Phantasie, ich ahne, warum viele sich in kleinfamiliäre Entwürfe zurückziehen. Und tatsächlich beschleicht mich nach Jahren der Suche nach einer Wahlfamilie, nach verbindlicher Lebensgemeinschaft das starke Gefühl, dass ich allein sterben werde. Ich habe mich von meiner Blutsfamilie mehr und mehr entfernt, ohne einen Ersatz zu haben, ich habe mich aus meiner Liebesbeziehung verabschiedet, ohne ein(en) adäquate(s) Jumpoff und lächze nach einem Ankommen. Aber aller Anspruch ist sinnbefreit, wenn es so vielen Menschen schwer fällt oder es ihnen schlicht nicht attraktiv erscheint, sich auf einen oder mehrere Menschen festzulegen, Perspektiven gemeinsam zu entwickeln, wenn es sich dabei nicht um lovestories handelt. Ich kann aber in meinem Leben nur dem Kleinfamilienidyll abschwören, wenn mich auch Freund_innen in ihrem Urlaub dabei haben wollen, den sie mit ihrer Partner_in planen. Liegt es daran, dass die enorme Anstrengung des täglichen Lebens einzig ertragbar wird durch die eine Person, mit der mensch nackt kuschelnd vor der Glotze liegt? Und sich diese Verbindung dadurch zur Unverzichtbarkeit per se gemausert hat, sodass sie als die einzige erscheint, die quality-time beansprucht?

Für mich ist gewähltes Alleinsein keine Option mehr, ich bin durch das Kind immer in meinen Planungen und Wünschen mit einem Anderen konfrontiert, das einsame-Wölfin-Ding hat sich ausgeheult. An dessen Stelle ist die überwältigende Verantwortung getreten, einen kleinen Menschen so zu begleiten, dass er nicht ab Mitte 20 therapieabhängig oder fügsamer, konsumistischer Spießeridiot sein wird.

Ja, ich habe mir das mit dem Kind ausgesucht, aber ich hatte Träume und hab gedacht, ich würde das mit anderen Menschen zusammen machen. Ich schaffe es nicht – als Einzelperson(zwar mit großem Herz aber an sich ziemlich klein) – ihm gegenüber eine Stabilität aufrechtzuhalten, die nur eine Illusion ist. Und es bricht mir das Herz, dass die Realität in sein Leben einbricht und ich es nicht vorher geschafft habe, sie zu ändern.

für und wider die Erwerbsarbeit

Ich weiß, dass ich aus einer krassen Luxusposition heraus argumentiere, soviel gleich vorab. Ich beziehe seit fast 6 Jahren mit Unterbrechungen Hartz 4. Darin enthalten ist eine Depression, ein Studienabschluss, Schwangerschaften und eine Elternzeit. Aber jetzt verfalle ich sogleich in Rechtfertigungen: Das habe ich gelernt, den Kopf zu heben über die unterschwelligen Beschuldigungen als Schmarotzerin, Leistungsverweigerin etc.

Es ist mir gestern klar geworden, dass es tatsächlich Mut braucht, Phasen der Erwerbslosigkeit auszuhalten bzw. passieren zu lassen. Denn in unserer Gesellschaft bietet die ‚Arbeit‘ eine der einzigen Möglichkeiten, an Anerkennung zu gelangen. Zumindest suggeriert das die kapitalistische Maschinerie, sicher ist damit nicht jedes Arbeitsleben gesegnet. Nichtsdestotrotz verzichte ich durch den Verzicht(!) auf Erwerbsarbeit auf diese potentielle Anerkennungsquelle. Und das spüre ich oft, ich bin damit groß geworden, meine Leistung durch gute Bewertung als entlohnt zu empfinden. Ich brauche es händeringend, dass Menschen mir sagen, dass ich gut bin. Im Optimalfall sind das Menschen, die in meiner Wahrnehmung in einer relevanten Eigenschaft besser oder weiter, im Leben weiser oderwasauchimmer sind – damit die Anerkennung richtig gilt.

Jede zweite Woche bin ich nicht stark genug, schaffe es nicht, mir selbst die Anerkennung zu spenden und beginne wieder, mich zu bewerben. Dabei weiß ich, dass ich noch nicht wieder arbeiten darf! Ich muss noch warten. Und es mag schwer nachvollziehbar klingen, wo doch die Erwerbslosigkeit ein Versprechen an die Faulheit scheint. Für mich ist sie eher eine Übung: Mich nicht von den systematischen Lockungen fangen oder von den deutlichen Drohungen pressen zu lassen. Sondern Raum dafür zu geben, mich selbst zu erfinden.

Der leider verstorbene Vater eines Menschen, mit dem ich in der Jugend viel Zeit verbracht habe, ist zu meiner großen Irritation damals einem unauffälligen Buchhaltungs- und Lageristenjob nachgegangen. Bis er um 14Uhr nach Hause kam. Dann hat er eine halbe Stunde geruht und sich an sein Werk gemacht: Literatur. Ich habe ihn dafür verurteilt, so einer bedeutungslosen Arbeit nachzugehen und dabei übersehen, dass sie ihm ermöglichte, zu tun, was er eigentlich wollte. Und während ich mich im Laufe der Jahre von dem life-work-balance Modell meiner Mutter verabschiedet habe, ist deutlicher geworden, dass ich Eriks Version inspirierender fand.

Mittlerweile bin ich geübt im erwerbslos sein: Ich weiß mich zu beschäftigen, liebe es, mir davon Pausen zu nehmen und kann meine Wege die meiste Zeit wertschätzend beobachten. Aber ab und zu muss ich meinen Wert testen und schreibe Bewerbungen. Und zudem rückt mir die Realität des Arbeitslebens auf die Pelle: Ich muss eine gute Lösung finden, bevor mich das Jobcenter Maßnahmen zuordnet. Der Arbeitsmarkt in Berlin ist aber nicht meine Welt und solange ich nicht binnen der 20 Stunden einer sozialversicherungspflichtigen Festanstellung lernen und mich einarbeiten darf, funktioniert das für mich nicht.

Eine der unkritischen Personen im Kinderladen meinte gestern zu mir, so sei das eben, in jeder neuen Stelle müsse ich am Anfang mehr investieren – wenn ich was wolle, müsse ich mich dafür einsetzen. Und ich könne ja noch nichts, also könne ich auch nichts erwarten.                                                          Bei einem Bewerbungsgespräch vor ein paar Wochen benannte mein Gegenüber diese Klausel für Überstunden mit dem ‚Wunsch, sich zu entwickeln‘, den sie bei neuen Mitarbeiter_innen erwarten würde. Und ich bleibe beschämt und traurig und auch ein bisschen ärgerlich zurück: Die Tatsache, dass ich nicht mehr als 20 Stunden arbeiten kann, um den restlichen Dingen in meinem Leben auch nachgehen zu können, bedeutet nicht, dass ich nicht wachsen will oder mich mit Herzblut einarbeiten. Es ist der Markt, der mir den Platz dafür nicht lässt. Und es macht mich wütend, wie viel Zeit und Kraft in meinem Leben dafür drauf geht, dass ich mich emotional von Fragen wie „Was machst du eigentlich die ganze Zeit/den ganzen Tag?“ erholen muss.

Also Herz in die Hand und erwerbslos bleiben!

Online Dating

Als mich irgendein fieser Virus den kompletten Herbst über hingestreckt hatte und ich vor gefühlter Einsamkeit grummelig war, habe ich mich entgegen meiner Jahre vorherrschenden Vorstellung von mir als einer Person, die nur Leute anziehend findet, die sie kennt, auf einer Internetdating Seite angemeldet. Ich war mir nicht so sicher, wer ich flirttechnisch eigentlich bin, aber ganz entschieden, dass das nicht mein Ding wäre.

Vielleicht kennt ihr auch so Artikel in Zeitschriften, die versuchen Menschen zu kategorisieren, die sich auf dating-Portalen anmelden (im Groben läuft es auf ein binäres System hinaus: nicht an Bindung interessiert vs. über die Maßen an Bindung interessiert…& dazwischen gibt es natürlich nix). Ich hatte das Vorurteil, dafür müsse mensch ganz schön verzweifelt sein. Und wäre ich nicht krank gewesen, hätte meine Scham ob meiner ‚Verzweiflung‘ wohl überhand gehabt und den Erkundungswillen zurückgepfiffen. Diese Verzweiflung war eigentlich eine Zuschreibung von außen, mit der ich gerungen habe. Eine Zuschreibung von Menschen, die erwarten, nach einer Trennung solltest du dich lange Zeit in dich zurückziehen und auf dich selbst besinnen(so wie auch eine Winterdepression ein angebliches Muss ist, an dem du nicht vorbeikommst, egal wie sehr dir die Sonne ausm Arsch scheint). Das war so ein himmelschreiender depressiver, passiver, klassisch weiblicher Mechanismus und ich hatte überhaupt gar keine Lust darauf, mich seiner zu bedienen. Dieses Mal nicht. Ich war nicht verzweifelt – ich wollte nicht verzichten oder Lebenszeit mit vermeintlich sinnvollen Pausen verschwenden.

Also habe ich schlechte Artikel im Netz gelesen, die du findest, wenn du z.B.: „Mein Ex hat schon eine Neue“ googlest, gelesen und Erleuchtung gefunden. Diese Artikel hielten zwei Wahrheiten für mich bereit: 1. Tendentiell sind die männlichen Figuren in romantischen Heterokonstellationen diejenigen, die nach einer Trennung ganz fix eine neue relevante Person installieren(für sich finden). Die weiblich identifizierte ehemalige Gespielin würde sich eher Zeit für sich nehmen, die Trennung in Ruhe verarbeiten, vllt. auch, um zu verhindern, dass sich die gemachten ‚Fehler‘ verschleppen, sich das ganze wiederholt(ich bin ja nicht so eine Feindin der seriellen Monogamie,insofern sollte mensch die eigenen Nerven auch nicht überstrapazieren, indem sie sich auf Teufel komm raus selbst analysiert – die guten Sachen dürfen sich doch gerne wiederholen). Und 2. Die_derjenige, die_der sich nach einer Trennung schnell wieder versorgt(mit Liebe oder Ähnlichem), erholt sich besser. Der Person geht es besser. Punkt.

Das ist doch was!

Also bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es eine grobe Unterstellung (auch ich habe das immer gedacht, es wäre wichtig nach einer Trennung unbedingt allein zu bleiben) war, anzunehmen, wer sich schnell wieder bindet, würde nicht verarbeiten oder nur Verdrängungsgenies würden schnell genesen. Das lässt sich so simpel von außen gar nicht beurteilen. Die Verarbeitung meiner Beziehung hat schon lange bevor sie tatsächlich ein Ende nahm, begonnen. Und jetzt will ich es gut haben. Zudem suche ich eigentlich nach zwischenmenschlichen Verbindungen, die mich gleichzeitig gebunden und frei sein lassen. Nun lange Zeit allein zu verharren, nützt mir gar nichts – ich will meiner Wunschvorstellung gemeinsam frei zu sein mit verschiedenen Menschen in verschiedenen Beziehungen näher kommen und dafür Menschen finden, die mit mir Versuche wagen wollen. Dafür könnte es förderlich sein, nicht vom Leben zu erwarten, dass dir deine nächste Lovestory beim Einkaufen begegnet (dir sind deine Tofuwürstchen runter gefallen und er hebt sie auf). Ich möchte ein von schönen Gefühlen erfülltes Leben und nicht alle drei Jahre einen kurzen tragischen Moment in einer enorm verheißungsvollen Begegnung, der mich für drei Jahre einsames und von Selbstzweifeln dominiertes Warten entlohnen soll.

**Es gibt sicher Phasen im Leben, da ist es wichtig, sich auf sich zu besinnen, wenig andere Menschen einzulassen – und die sind sicher nicht alle von Selbstzweifeln geprägt, sondern auch erfüllend und voller Entdeckungspotenzial. Das will ich nicht ausschließen und ich kenne solche Momente auch schon gut.**

Nur für mich ist es eher an der Zeit, mich in der Konfrontation mit Menschen und Konzepten selbst zu beobachten und zu entdecken, was überhaupt möglich ist.

Frau kann sich ein Leben lang mit verarbeiten beschäftigen und mich hat es in emotional bedeutenden Kontakten mit manchen cis-Männern aufgeregt, dass sie nicht zurückschauen, nicht bereuen, nicht in sich schauen – oder zumindest nicht so, wie ich das gelernt habe. In dem Ärger steckt auch ein Funken Neid: Ich möchte auch dazu in der Lage sein, im Jetzt zu leben und beginnen, Vorsicht nicht mit Vermeidung zu verwechseln, mir die emotionalen back-ups zu suchen, die ich brauche, um auf Abenteuerreise zu gehen.

Ich habe nicht erwartet, dass online dating etwas für mich bereit hält, aber ich wollte ins Leben zurück und habe mich offensichtlich getäuscht: Ich mag den schriftlichen Erstkontakt und ich mag Dates und scheinbar habe ich ein gutes Auswahlverfahren, denn von drei Menschen, mit denen ich etwas mehr geschrieben und mich dann auch getroffen habe, haben mich zwei sehr für sich begeistern können und mit beiden entspinnt sich nun irgendwas.

Natürlich, wäre ich nicht krank gewesen, hätte ich mir nicht die Zeit genommen, durch die vorgeschlagenen Charaktäre zu zappen und die wenigen mutmaßlich wirklich linkspolitisch eingestellten Menschen herausgefischt. Außerdem hat mich sehr beeindruckt, dass es nicht die Bilder sind oder die Schönheit von Gesichtern oder was auch immer, die mein Interesse weckt, sondern die spezifische Konstellation von dem, was Bild und Text über die Person verraten können. Ich glaube, auf Partys handle ich eher optisch gesteuert.

Vermutlich ist das Risiko, sich in Phantasien zu verlieren hier genauso groß, wie bei dem Menschen mit den schönen Augen, der immer die gleiche U-Bahn nimmt oder so ähnlich. Aber das Ansprechen ist leichter (und gesünder: ich kann ganz nüchtern mich ins Wagnis stürzen) und wenn du ein kommunikationswilliges Gegenüber hast, kannst du ja alle Zweifel oder Filmchen teilen. Mir hat es Spaß gemacht, mit sehr direkten Fragen und Ansagen ins Gespräch einzusteigen. Und für mich erfolgt hier auch schon eine gute Auslese: Wer hält es aus, Bestandteil einer Suche nach selbstbestimmtem Dating zu werden. Denn das hat mir online dating bis jetzt ermöglicht: Ich will finden also finde ich.

Ein fades Gefühl bleibt aber: Die Chatverläufe werden gespeichert, die Verbindungen von Personen nachvollziehbar. Nun lässt sich anhand solcher Daten keine deutliche Skizze der untergründigen Strukturen oder linksradikalen Szene zeichnen, aber etwas mehr Wissen erhalten sie so über uns. Achte auf die Bilder, die du auswählst und auch wenn manch einer_ m das paranoid erscheinen mag: Ich denke es ist ratsam zu versuchen, über mögliche Überschneidungen im erweiterten Freund_innen- oder Bekanntenkreis zu klären, ob du es mit einer realen Person zu tun hast.

Selbstliebe

Es gab im letzten Jahr viele Dinge, von denen ich den Eindruck gewonnen habe, dass ich 30 werden musste, um sie in Angriff zu nehmen, zu können oder gar zu wollen.

Eines davon ist Selbstliebe und das meine ich in vielerlei Hinsicht. Auch in dem Akt der Selbstbefriedigung. Sie ist auch Ausdruck meiner Unabhängigkeit: der von dem Wunsch, geliebt zu werden. Natürlich ist der immer noch präsent und das ist gut – wie traurig wäre das, sich davon zu distanzieren. Aber nur meine wachsende Liebe zu mir selbst, mit der eine Trennung einher ging, hat mich erkennen lassen, dass ich nicht nur um geliebt zu werden und gevögelt, in einer Beziehung sein möchte, die mir ansonsten nicht mehr nur oder in erster Linie gut tut.

Ich hatte große Lust mich zu trennen und wenige Tage später große Lust, mir einen Dildo zu kaufen. Das ist jetzt eine Weile her und wir stellen uns so langsam aufeinander ein(ich habe einen Hang dazu, Gegenstände zu personalisieren, meistens betrifft das nur Rennrad und Bus aber ist offensichtlich erweiterbar).

Es erfüllt mich mit großer Freude, zu erkennen, dass ich über die Jahre zu einer immer selbstbestimmteren Sexualität gefunden habe, auch indem ich das Nein-Sagen innerhalb einer romantischen und sexuellen Beziehung gelernt habe. Und gerade lerne ich das Nein-Sagen mir selbst gegenüber – nicht als etwas Versagendes, nicht als etwas Luststrafendes und Regulierendes (also in Form einer Über-Ich Lastigkeit, die mir als weiblich sozialisierte Person auferlegt wurde, die ich für mich adaptierte und von der ich in einem schweren Ringen zunehmend Abstand gewinne). Sondern wiederum als Akt der Selbstliebe: Ich habe gemerkt, dass Selbstbefriedigung für mich auch als Stressabfuhr funktioniert. Das ist natürlich praktisch: längst nicht so gesundheitsschädigend wie Kippen, Alk und Co. Aber dennoch: Auch hier habe ich das Gefühl, kann eine Abhängigkeit entstehen – es nervt mich nämlich mittlerweile, wie unfassbar viel ich an Sex denke und es für mich nicht mehr nur genussvoll erscheint und als Form, mir selbst näher zu kommen. Sondern auch als etwas, das ich erledigen muss. Wenn ein Element der Selbstbestimmtheit bestimmend wird, führt die Unabhängigkeit eher zu einer Entfernung von sich selbst. Es gibt Momente der Einsamkeit, der Leere, des emotionalen Hunger(n)s, die ausgehalten werden wollen – anstatt weggevögelt(ob nun mit sich selbst, dem pinken Dildo mit dem ungeschickt gewählten Produktnamen „Boss“ oder (einer) anderen Person(en)). Selbstbefriedigung sollte nicht von außen gemaßregelt oder durch Moralisierung gehemmt, gar unterdrückt, werden. Aber die Tatsache, dass ich als tendenziell heterosexuelle Cis-Frau für diesen Moment keinen penistragenden Menschen brauche, entbindet mich nicht von meiner Selbstachtsamkeit.

Es ist wunderschön, mich selbst zu befriedigen und obwohl ich meinen Körper sehr gut kenne, mich viel mit Sex, Verhütung, reproduktiver Sexualität etc.pp. beschäftigt habe, entdecke ich dabei immer noch Neues. Zum Beispiel in puncto Hingabe und vaginalem Orgasmus(für den ich wohl 31 werden muss). Aber sie sollte in einem Moment geschehen, indem ich mich liebe und nicht funktionalisiert sein, dieses Gefühl herzustellen.

Rezension: Chilling Adventures of Sabrina

Chilling Adventures of Sabrina

* Spoiler-Alarm *

Aufgrund der Empfehlungen aus meiner Fantifa-Gruppe habe ich die Serie obenstehenden Titels angefangen und noch während ich mitten im Handlungsverlauf steckte, musste ich zu schreiben beginnen. Vorab: Sie kann was, aber sie ist mit Vorsicht zu genießen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verzaubert. Irritiert vielleicht. Aber das will Film ja: emotionale Reaktionen. Sabrina lebt mit ihren Tanten, das kennen wir schon. Aber nicht so widerständig und feministisch, mit Versuchen ins queere. Nichtsdestotrotz laufen da fast ausschließlich standard’schöne‘ Menschen ins Bild und die einzige als eher Cis-Frau zu lesende etwas weicher gezeichnet Person ist es eben äußerlich wie innerlich – weicher: Tante Hilda, die eher die sanften Seiten der Mütterlichkeit oder Fürsorge verkörpert und die Küche beherrscht.

Was mich in den Bann gezogen hat, ist die Entwicklung, die alle Charaktere beginnen – nicht nur die Protagonistin. So auch Hilda: Ohne bitter vorwurfsvoll zu sein artikuliert sie ihre Verletztheit durch den psychische wie physischen Missbrauch durch ihre Schwester, die sie zeitlebens zu dominieren schien (es sei ihr satansgegebenes Recht). Liebt sie trotzdem, liebt trotzdem und vergibt (klar, klassisch weiblich, aber es geht ja bei der Revolution nicht darum, dass wir alle härter werden, sondern m.E. darum, dass alle weicher sein dürfen) und sucht sich einen Job. Das ist natürlich eher klassisch feministisch: Unabhängigkeit durch Karriere. Aber dieser Generation entspringt Hilda ja auch und tatsächlich bin ich noch nicht sicher, ob die Serie einen antikapitalistischen Anspruch hat. Oder gar einen kirchenkritischen. Denn der Entwurf der Kirche der Nacht orientiert sich sehr an der realweltlichen Vorlage. Aber das sind vllt. Fragen, die sich erst mithilfe der 2. Staffel oder bei Betrachtung des Ganzen, wenn es abgefilmt sein wird, beantworten lassen.

Reizvoll finde ich, dass mehrere Figuren mit echtem Potential entworfen werden, so auch Sabrinas Freundinnen Roz und Susie. Und bei vielen erfolgt keine klare moralische Zuordnung hinsichtlich ‚gut‘ und ‚böse‘, was angesichts der inhaltlichen Vorlage ja ein Leichtes wäre.

Sabrina hat da einen eigenen Grundsatz: „Ich kenne keine Schmerzgrenze, um den Leuten zu helfen, die ich liebe.“ Mh, weiblich identifizierte Wesen dürfen als böse klassifizierte Dinge tun, wenn sie aus Liebe handeln. Naja gut, sie ist keine Anarcha. Die teuflische Agentin Mrs. Wardwell (offenbart sich am Ende der Staffel als Lilith) agiert zwar im Auftrag des dunklen Lords, stützt indirekt aber Sabrinas Persönlichkeitsentfaltung, erlaubt ihr, in einer Person gut und böse zu einen. Sabrina ist nicht Über-Ich lastig und sie ist nicht von Ängsten geleitet. Leider aber auch relativ unreflektiert. Sie weiß immer, was richtig ist. Nach meiner Lebenserfahrung würde ich aber sagen, emotionale und soziale Stärke rühren daher, dass mensch Zweifel zulässt(die Frage, ob sie Hexe wird oder nicht, zählt nicht: es wahr total absehbar, was sie dazu denkt, die Lösung kam dann sogar eher aus dem Außen als aus ihr). Mut braucht, wer Angst hat. Oder sagen wir: Mag sein, dass da Angst und Zweifel auftauchen aber in schwierigen Entscheidungssituationen ist sie sehr effektiv. Vielleicht übersteigt der Wunsch nach sichtbaren Ambivalenzen auch die Möglichkeiten eines Seriencharakters. Irgendwo im Verlauf der Dialoge taucht im Gespräch mit Nicholas, einem jungen Hexer, der Sabrina gerne näher wäre, die Erklärung auf, dass Hexen weniger intensiv fühlen. An anderer Stelle kommentiert Ambrose den Selbstmord zweier Sterblicher mit der Feststellung, dass diese Jahreszeit(Herbst/ sagen wir das Äquivalent zum deutschen November) den Sterblichen oft auf die Stimmung schlüge. Sabrinas ‚Halbblütigkeit‘ also die psychologische Lösung. Mag sein, dass ich auch deshalb nur eine Woche brauchte, um die Staffel durchzusehen: Sie macht gute Laune.

Nun aber zum absoluten Manko: Sex ist zumindest in der ersten Staffel an die lasterhaften Frauenfiguren(Sabrinas (anfängliche) Rivalin Prudence, eine Person of Color, die Femme Fatale Mrs. W. und den schwulen Cousin (auch Poc) Ambrose, gekoppelt. Autsch. Wirklich?

Ach es gibt da noch Tante Zelda(deren biografischer Hergang noch nicht so klar ist, ihre Motive ebensowenig), die erfüllt dann den SM-Teil der Hexenphantasie.

Sabrina lebt eine hoffnungslos romantische, weiße, monogame fast christliche, heterosexuelle Liebesbeziehung. Der Mensch, den das betrifft, ist zwar als radikaler Gegensatz zu den schwer männlichen Minenarbeitern entworfen – hat Gefühle, redet drüber, die beiden sorgen emotional füreinander relativ gleichberechtigt. Aber ich komme über diese blonde Jungfrau nicht hinweg. Und auch nicht darüber, dass die geschickt ‚böse‘ agierenden Frauenfiguren Ausschnitte bis zum Bauchnabel haben. Diese Gleichsetzung von Brüsten und Böse, sexpositiv und intrigant ist mir zu simpel. Musste das sein?

Dann noch der Hinweis, dass Hexen eher zu Lust und Sex in der Lage wären, denn zu Liebe(was an sich von vielen Interaktionen widerlegt wird, z.B. von Zeldas Bedürfnis, eine Neugeborene vor ihrem Vater zu schützen und in ihr Leben zu übernehmen). Das führt dann im Umkehrschluss zu der Annahme, diejenigen weiblichen Figuren, die Sex haben/wollen, können dies nur, weil sie weniger fühlen und rettet damit die Tugendhaftigkeit der im Allgemeinen ja eher fühlenden Frau(in der Welt, die vor dem Fernseher sitzt).

Erst nach ihrer Verwandlung legt sich Sabrina etwas Kokettierendes zu. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Figur sich derart entwickeln würde. Aber sie verliert Ihre Unschuld nicht durch Sex, sondern durch Tötungen und gewinnt den möglicherweise sexpositiven Spielgeist erst mit Vervollkommnung ihrer Hexigkeit. Was soll denn die Zuschauer_in da lernen? Sex-haben-wollen ist immer noch nicht normal.

Als Serie für Jugendliche ist es sicher schön, verschiedene Personen bei ihren Arrangements mit dem, was ihnen mitgegeben wurde und dem, was sie für sich wollen, zu begleiten. Ich denke die Orientierung an einer bestimmten Zielgruppe(mehrheitlich us-amerikanischer Jugendlicher??) beschränkt sie aber in ihrer Aufrichtigkeit und führt dazu, dass sie unter dem Deckmantel gewisser alternativer Entwürfe konservative, sexistische Annahmen eher bestätigt. Mal sehen, ob mich Staffel 2 Lügen straft!

Liebevolles Sexding gesucht

Mich hat ein Typ abserviert. Beziehungsweise hat er es nicht mal fertiggebracht, diesen Akt wirklich zu vollziehen, es war mehr die Unterlassung von irgendwas, die das ganze für beendet erklärt hat. Ich bin fassungslos. Zum einen, weil ich 30 bin und der auch. Ich wusste nicht, dass das so noch gemacht wird. Zum anderen, weil es ich bin, bei der er sich nicht meldet. Die logische Schlussfolgerung kann nur sein, dass er enge Grenzen in seinem Kopf hat. Und schlicht nicht besonders deep eingetaucht ist in den politischen Kram, mit dem beschäftigt zu sein er sich den Anschein gibt. Und das wiederum ist mir nun doch vertraut.

Ich verstehe dieses Nichts zwischen One-Night-Stand und ever-lasten-wollendem romantischen Zweiergedöns nicht und habe das Gefühl, ich müsste mal etwas bekannt machen.

1. Mein Körper ist mir ein inneres Fest, ich bin wunderschön und verdammt heiß. Das bedeutet aber nicht, dass ich einverstanden bin, wenn ich als eine-nacht-3-Orgasmen-Gefährtin verkonsumiert werde.

Ich habe nämlich ein Herz, ein widerständiges. Und diese Dinger haben bekanntermaßen die Eigenschaft begrenzter Kapazitäten. Zu meinem großen Leidwesen, stehe ich aber eben auf Penetrationssex und Penisse und bin immer mit vollem Gefühl dabei(letzteres werde ich auch nicht ändern, es ist eine Fähigkeit und kein Makel).

2. Sich nicht zu melden – und sei es eben mit der Botschaft einer Absage – ist nicht die Vermeidung von Kränkung o.ä. sondern ihre pure Manifestation: Es ist nämlich schlicht abwertend. Eine eigene Unfähigkeit wird auf die andere Person abgewälzt, der befreiende Charakter, den ein schon gefühltes aber nicht ausgesprochenes ‚Nein‘ haben kann, verwehrt.

Zu 3. Ich finde Sex besonders erquickend, wenn er sich zwischen den Menschen entwickelt, also über einen gewissen Zeitraum, wachsende Vertrautheit, seine vollen Potenziale entfaltet. Da ich keine Verfechterin der Körper-Seele-Trennung bin, bedeutet für mich ein Date nicht nur die Prüfung von und ggf. Öffnung für Sex-Möglichkeiten, sondern auch ein gewisses emotionales Engagement. Und davon profitiert mein Gegenüber, denn ohne Hingabe kein Highlight.

Jetzt 3.: Es kann eine Begegnungsform geben, bei der es um eine intime Erkundigung, liebevoll, wertschätzend geht, um eine gewisse Zeitspanne und eine gewisse Zugewandtheit, ohne dass ein romantisches-wievielemenschauchimmer-Dings angestrebt wird. Also ein selbstgemachtes und mit Vergnügen geteiltes Dazwischen.

Lilo Hermann

Das beginnt schon abwegig. Der erste Text hat nichts mit Sex zu tun. Aber mit der Stadt und zwischenmenschlichem Gedöns. Und Aktivismus.

Eine meiner liebsten Freund_innen hat mir vor ein paar Tagen erzählt, sie hätte ein Foto für mich gemacht: Antifaschistischer Spaziergang durch Lichtenberg, Statue im Gedenken an Liselotte Hermann. „Lilo“ Hermann ist eine der ersten deutschen Frauen* im antifaschistischen Widerstand gewesen, die trotz Verantwortung für ein Kleinkind 1938 von Nazis ermordet wurde(vor Gericht verurteilt, Todesstrafe). Beiden wurde ein Leben genommen in Folge ihrer Aktivitäten. Ich finde es wichtig, dieses Ergebnis nicht als quasi logische oder direkte Konsequenz ihrer politischen Position zu betrachten: Es ist eine politisch motivierte Handlung anderer Personen gewesen, eine Entscheidung, die sich an Charakteristika der Person Liselotte orientierte. Das Opfer einer Gewalttat ist nicht als mitverantwortlich zu betrachten, die Gefühle, die mensch in anderen hervorruft, gehören denen und liegen nicht in meiner Verantwortung.

Aber ich weiß natürlich, welche Codes ich bedienen muss und während meine Freundin aus Stolz und Liebe für mich mir dieses Bild als Empowerment und Orientierungsgröße, als Vorbild vllt., schenken wollte, habe ich Gänsehaut bekommen und überlege seither, wo ich heute hingehe und was ich da tragen kann. Also welche Aufnäher, welche Schuhe, wie viel schwarz. Und was eigentlich in meiner Jugend als Provokation – also als Begehren nach der abwehrenden oder aggressiven Reaktion eines ‚spießigen‘ oder blinden Umfeldes – seinen Anfang genommen hat, soll genau deshalb jetzt abgelegt werden? Klar, ich kleide mich oft gezielt: Gehe ich im elendig poshen friedrichshainer Südkiez auf den Spielplatz, will ich klar haben, dass mich nur Personen ansprechen, die dann auch damit klarkommen, wer ich bin. Abgrenzungsspielchen. Bin ich auf der Straße unterwegs, bin ich ohne Kind, klar, gibt es verschiedene Strategien. Es gibt auch mal das ach-drauf-geschissen-ich-will-mich-wohlfühlen und natürlich auch das: mein-Körper-ist-mir-ein-inneres-Fest-und-ihr-dürft-das-sehen.

Aber neuerdings gibt es auch ängstliche Untertöne: Ich bin nach Hohenschönhausen unterwegs, EbayKleinanzeigen führt mich und das Kind an meiner Seite in die Gegend, in der ich zur Schule gegangen bin. Der erste Impuls ist ganz klar, der Hass sitzt tief, ich bin keine Person, die pures Licht verkörpert. Aber dann sehe ich ein paar Jugendliche, die mich mulmig stimmen: Ich bin nicht allein unterwegs. Und ich schlage eine Stoffseite um, um für den weiteren Weg und mögliche Verhandlungen mit einer wie auch immer politisch positionierten EbayKleinanzeigen-Verkäuferin einen Aufnäher zu verbergen. An einem anderen Tag wiederholt sich das Gefühl in Lichtenberg beim Umsteigen mit Buggy, nur dass ich dieses Mal nichts umschlagen kann und mich in meiner Klamotte irgendwie nackt und schutzlos fühle.

Selbstverteidigung für zwei?

Ich weiß aus anderen übergriffigen Situationen mittlerweile, dass ich mit Kind(mittlerweile fast halbsogroßwieich) kaum weg rennen kann und dass ich Angstmomente in seinem Leben vermeiden möchte. Und liegt es dann nicht in meiner Verantwortung, mich so zu reduzieren, dass meine Anwesenheit in seinem Leben nicht genau diese Momente provoziert. Also sollte ich in keinerlei Weise mehr auffallen? Kann ich auf Demos mit gewissem Aktionspotential mitlaufen, wenn ich weiß, es würde uns beiden das Herz brechen, würde ich verhaftet?

Ich habe diesen Sommer eine Diskussion aufgeschnappt, ob die Teilnahme bei einer Demonstration inkl. der Gefahr der Einkesselung und eventuellen Trennung von Kind und Bezugsperson als Kindeswohlgefährdung betrachtet werden könnte. Ein Teil von mir empört sich bei dem Gedanken – aber das Herz, das so lange über dem eines anderen Menschen geschlagen hat, fragt leise: Darf ich Ich sein, wenn dieses Ich ein mindestens emotionales Risiko für mein Kind bedeutet? Und wieder: Die Feministin in mir, kennt eine Antwort. Aber sie ist nicht allein hier drin. Und auch durch den kräftigenden Support meines ausgewählten Umfeldes dringt immer wieder das schlechte Gewissen, die Über-Ich-Last der deutsch-katholischen Mutter, zu der meine Familie mich gern gemacht hätte. Ich kann das nicht allein abschütteln.

Organisation statt Rückzug

Und so ist meine Antwort nicht der Rückzug, sondern die Organisation. Ich will nicht unterdrücken, was mich treibt, kann nicht ignorieren wie mein Herz im Hals schlägt, wenn Manches gesagt wird. Aber ich kann das Mutter-Kind-Gefüge, von dem ich ein Teil bin, bestmöglich schützen: indem ich Netzwerke von emotional bedeutsamen Bezugsmenschen schaffe, indem ich Strukturen mitstricke, die im Zweifelsfall eng und enger zusammenhalten, indem wir bei Gedanken an Selbstverteidigung auch bedenken, dass manche nicht weg rennen können.

Das geht alles nur, weil die anderen mitmachen, weil ich in meinen Kontexten sagen darf(und verstanden werde): ich darf nicht hopsgenommen werden/ können wir Tagschichten machen/ was passiert, wenn ich nicht nach Hause komme/ wie eskalativ dürfen wir sein, wenn ein Kind dabei ist etceterapp.

In dem Fall hängt der Grad meiner Radikalität davon ab, dass ihr mich dabei sein lasst, obwohl ich das Ganze schwäche. Für mich ist es das Fordernste an dem Leben mit Kind, das abhängig Sein von anderen Menschen zu akzeptieren, immer wieder um Support zu bitten, immer wieder zwischen all dem Ärger um die eigene Schwäche das Gefühl eines echten Dankbarseins hervorzukramen. Ohne die solidarischen Menschen um mich herum, die sich entscheiden, sich mit mir um meiner selbst willen bewegen zu wollen, müsste ich meine Wut runterschlucken. So darf ich erfahren, dass sie mit liebender Mutterschaft vereinbar ist.

So ist auch die Idee hinter dem Bild nicht ganz fehlgeschlagen: Ich habe neuen Respekt gewonnen, vor dem, was ich tue. Und mich entschieden, es eben deshalb zu tun und noch mehr Arbeit in Fragen des Wie zu investieren. Eine Gefängnisstrafe bricht jeder_m das Herz, die Erfahrung eines Übergriffes am eigenen Körper hinterlässt bei jeder_m Narben und wir brauchen einander, um uns davor zu bewahren.