Selbstliebe

Es gab im letzten Jahr viele Dinge, von denen ich den Eindruck gewonnen habe, dass ich 30 werden musste, um sie in Angriff zu nehmen, zu können oder gar zu wollen.

Eines davon ist Selbstliebe und das meine ich in vielerlei Hinsicht. Auch in dem Akt der Selbstbefriedigung. Sie ist auch Ausdruck meiner Unabhängigkeit: der von dem Wunsch, geliebt zu werden. Natürlich ist der immer noch präsent und das ist gut – wie traurig wäre das, sich davon zu distanzieren. Aber nur meine wachsende Liebe zu mir selbst, mit der eine Trennung einher ging, hat mich erkennen lassen, dass ich nicht nur um geliebt zu werden und gevögelt, in einer Beziehung sein möchte, die mir ansonsten nicht mehr nur oder in erster Linie gut tut.

Ich hatte große Lust mich zu trennen und wenige Tage später große Lust, mir einen Dildo zu kaufen. Das ist jetzt eine Weile her und wir stellen uns so langsam aufeinander ein(ich habe einen Hang dazu, Gegenstände zu personalisieren, meistens betrifft das nur Rennrad und Bus aber ist offensichtlich erweiterbar).

Es erfüllt mich mit großer Freude, zu erkennen, dass ich über die Jahre zu einer immer selbstbestimmteren Sexualität gefunden habe, auch indem ich das Nein-Sagen innerhalb einer romantischen und sexuellen Beziehung gelernt habe. Und gerade lerne ich das Nein-Sagen mir selbst gegenüber – nicht als etwas Versagendes, nicht als etwas Luststrafendes und Regulierendes (also in Form einer Über-Ich Lastigkeit, die mir als weiblich sozialisierte Person auferlegt wurde, die ich für mich adaptierte und von der ich in einem schweren Ringen zunehmend Abstand gewinne). Sondern wiederum als Akt der Selbstliebe: Ich habe gemerkt, dass Selbstbefriedigung für mich auch als Stressabfuhr funktioniert. Das ist natürlich praktisch: längst nicht so gesundheitsschädigend wie Kippen, Alk und Co. Aber dennoch: Auch hier habe ich das Gefühl, kann eine Abhängigkeit entstehen – es nervt mich nämlich mittlerweile, wie unfassbar viel ich an Sex denke und es für mich nicht mehr nur genussvoll erscheint und als Form, mir selbst näher zu kommen. Sondern auch als etwas, das ich erledigen muss. Wenn ein Element der Selbstbestimmtheit bestimmend wird, führt die Unabhängigkeit eher zu einer Entfernung von sich selbst. Es gibt Momente der Einsamkeit, der Leere, des emotionalen Hunger(n)s, die ausgehalten werden wollen – anstatt weggevögelt(ob nun mit sich selbst, dem pinken Dildo mit dem ungeschickt gewählten Produktnamen „Boss“ oder (einer) anderen Person(en)). Selbstbefriedigung sollte nicht von außen gemaßregelt oder durch Moralisierung gehemmt, gar unterdrückt, werden. Aber die Tatsache, dass ich als tendenziell heterosexuelle Cis-Frau für diesen Moment keinen penistragenden Menschen brauche, entbindet mich nicht von meiner Selbstachtsamkeit.

Es ist wunderschön, mich selbst zu befriedigen und obwohl ich meinen Körper sehr gut kenne, mich viel mit Sex, Verhütung, reproduktiver Sexualität etc.pp. beschäftigt habe, entdecke ich dabei immer noch Neues. Zum Beispiel in puncto Hingabe und vaginalem Orgasmus(für den ich wohl 31 werden muss). Aber sie sollte in einem Moment geschehen, indem ich mich liebe und nicht funktionalisiert sein, dieses Gefühl herzustellen.

Rezension: Chilling Adventures of Sabrina

Chilling Adventures of Sabrina

* Spoiler-Alarm *

Aufgrund der Empfehlungen aus meiner Fantifa-Gruppe habe ich die Serie obenstehenden Titels angefangen und noch während ich mitten im Handlungsverlauf steckte, musste ich zu schreiben beginnen. Vorab: Sie kann was, aber sie ist mit Vorsicht zu genießen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verzaubert. Irritiert vielleicht. Aber das will Film ja: emotionale Reaktionen. Sabrina lebt mit ihren Tanten, das kennen wir schon. Aber nicht so widerständig und feministisch, mit Versuchen ins queere. Nichtsdestotrotz laufen da fast ausschließlich standard’schöne‘ Menschen ins Bild und die einzige als eher Cis-Frau zu lesende etwas weicher gezeichnet Person ist es eben äußerlich wie innerlich – weicher: Tante Hilda, die eher die sanften Seiten der Mütterlichkeit oder Fürsorge verkörpert und die Küche beherrscht.

Was mich in den Bann gezogen hat, ist die Entwicklung, die alle Charaktere beginnen – nicht nur die Protagonistin. So auch Hilda: Ohne bitter vorwurfsvoll zu sein artikuliert sie ihre Verletztheit durch den psychische wie physischen Missbrauch durch ihre Schwester, die sie zeitlebens zu dominieren schien (es sei ihr satansgegebenes Recht). Liebt sie trotzdem, liebt trotzdem und vergibt (klar, klassisch weiblich, aber es geht ja bei der Revolution nicht darum, dass wir alle härter werden, sondern m.E. darum, dass alle weicher sein dürfen) und sucht sich einen Job. Das ist natürlich eher klassisch feministisch: Unabhängigkeit durch Karriere. Aber dieser Generation entspringt Hilda ja auch und tatsächlich bin ich noch nicht sicher, ob die Serie einen antikapitalistischen Anspruch hat. Oder gar einen kirchenkritischen. Denn der Entwurf der Kirche der Nacht orientiert sich sehr an der realweltlichen Vorlage. Aber das sind vllt. Fragen, die sich erst mithilfe der 2. Staffel oder bei Betrachtung des Ganzen, wenn es abgefilmt sein wird, beantworten lassen.

Reizvoll finde ich, dass mehrere Figuren mit echtem Potential entworfen werden, so auch Sabrinas Freundinnen Roz und Susie. Und bei vielen erfolgt keine klare moralische Zuordnung hinsichtlich ‚gut‘ und ‚böse‘, was angesichts der inhaltlichen Vorlage ja ein Leichtes wäre.

Sabrina hat da einen eigenen Grundsatz: „Ich kenne keine Schmerzgrenze, um den Leuten zu helfen, die ich liebe.“ Mh, weiblich identifizierte Wesen dürfen als böse klassifizierte Dinge tun, wenn sie aus Liebe handeln. Naja gut, sie ist keine Anarcha. Die teuflische Agentin Mrs. Wardwell (offenbart sich am Ende der Staffel als Lilith) agiert zwar im Auftrag des dunklen Lords, stützt indirekt aber Sabrinas Persönlichkeitsentfaltung, erlaubt ihr, in einer Person gut und böse zu einen. Sabrina ist nicht Über-Ich lastig und sie ist nicht von Ängsten geleitet. Leider aber auch relativ unreflektiert. Sie weiß immer, was richtig ist. Nach meiner Lebenserfahrung würde ich aber sagen, emotionale und soziale Stärke rühren daher, dass mensch Zweifel zulässt(die Frage, ob sie Hexe wird oder nicht, zählt nicht: es wahr total absehbar, was sie dazu denkt, die Lösung kam dann sogar eher aus dem Außen als aus ihr). Mut braucht, wer Angst hat. Oder sagen wir: Mag sein, dass da Angst und Zweifel auftauchen aber in schwierigen Entscheidungssituationen ist sie sehr effektiv. Vielleicht übersteigt der Wunsch nach sichtbaren Ambivalenzen auch die Möglichkeiten eines Seriencharakters. Irgendwo im Verlauf der Dialoge taucht im Gespräch mit Nicholas, einem jungen Hexer, der Sabrina gerne näher wäre, die Erklärung auf, dass Hexen weniger intensiv fühlen. An anderer Stelle kommentiert Ambrose den Selbstmord zweier Sterblicher mit der Feststellung, dass diese Jahreszeit(Herbst/ sagen wir das Äquivalent zum deutschen November) den Sterblichen oft auf die Stimmung schlüge. Sabrinas ‚Halbblütigkeit‘ also die psychologische Lösung. Mag sein, dass ich auch deshalb nur eine Woche brauchte, um die Staffel durchzusehen: Sie macht gute Laune.

Nun aber zum absoluten Manko: Sex ist zumindest in der ersten Staffel an die lasterhaften Frauenfiguren(Sabrinas (anfängliche) Rivalin Prudence, eine Person of Color, die Femme Fatale Mrs. W. und den schwulen Cousin (auch Poc) Ambrose, gekoppelt. Autsch. Wirklich?

Ach es gibt da noch Tante Zelda(deren biografischer Hergang noch nicht so klar ist, ihre Motive ebensowenig), die erfüllt dann den SM-Teil der Hexenphantasie.

Sabrina lebt eine hoffnungslos romantische, weiße, monogame fast christliche, heterosexuelle Liebesbeziehung. Der Mensch, den das betrifft, ist zwar als radikaler Gegensatz zu den schwer männlichen Minenarbeitern entworfen – hat Gefühle, redet drüber, die beiden sorgen emotional füreinander relativ gleichberechtigt. Aber ich komme über diese blonde Jungfrau nicht hinweg. Und auch nicht darüber, dass die geschickt ‚böse‘ agierenden Frauenfiguren Ausschnitte bis zum Bauchnabel haben. Diese Gleichsetzung von Brüsten und Böse, sexpositiv und intrigant ist mir zu simpel. Musste das sein?

Dann noch der Hinweis, dass Hexen eher zu Lust und Sex in der Lage wären, denn zu Liebe(was an sich von vielen Interaktionen widerlegt wird, z.B. von Zeldas Bedürfnis, eine Neugeborene vor ihrem Vater zu schützen und in ihr Leben zu übernehmen). Das führt dann im Umkehrschluss zu der Annahme, diejenigen weiblichen Figuren, die Sex haben/wollen, können dies nur, weil sie weniger fühlen und rettet damit die Tugendhaftigkeit der im Allgemeinen ja eher fühlenden Frau(in der Welt, die vor dem Fernseher sitzt).

Erst nach ihrer Verwandlung legt sich Sabrina etwas Kokettierendes zu. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Figur sich derart entwickeln würde. Aber sie verliert Ihre Unschuld nicht durch Sex, sondern durch Tötungen und gewinnt den möglicherweise sexpositiven Spielgeist erst mit Vervollkommnung ihrer Hexigkeit. Was soll denn die Zuschauer_in da lernen? Sex-haben-wollen ist immer noch nicht normal.

Als Serie für Jugendliche ist es sicher schön, verschiedene Personen bei ihren Arrangements mit dem, was ihnen mitgegeben wurde und dem, was sie für sich wollen, zu begleiten. Ich denke die Orientierung an einer bestimmten Zielgruppe(mehrheitlich us-amerikanischer Jugendlicher??) beschränkt sie aber in ihrer Aufrichtigkeit und führt dazu, dass sie unter dem Deckmantel gewisser alternativer Entwürfe konservative, sexistische Annahmen eher bestätigt. Mal sehen, ob mich Staffel 2 Lügen straft!

Liebevolles Sexding gesucht

Mich hat ein Typ abserviert. Beziehungsweise hat er es nicht mal fertiggebracht, diesen Akt wirklich zu vollziehen, es war mehr die Unterlassung von irgendwas, die das ganze für beendet erklärt hat. Ich bin fassungslos. Zum einen, weil ich 30 bin und der auch. Ich wusste nicht, dass das so noch gemacht wird. Zum anderen, weil es ich bin, bei der er sich nicht meldet. Die logische Schlussfolgerung kann nur sein, dass er enge Grenzen in seinem Kopf hat. Und schlicht nicht besonders deep eingetaucht ist in den politischen Kram, mit dem beschäftigt zu sein er sich den Anschein gibt. Und das wiederum ist mir nun doch vertraut.

Ich verstehe dieses Nichts zwischen One-Night-Stand und ever-lasten-wollendem romantischen Zweiergedöns nicht und habe das Gefühl, ich müsste mal etwas bekannt machen.

1. Mein Körper ist mir ein inneres Fest, ich bin wunderschön und verdammt heiß. Das bedeutet aber nicht, dass ich einverstanden bin, wenn ich als eine-nacht-3-Orgasmen-Gefährtin verkonsumiert werde.

Ich habe nämlich ein Herz, ein widerständiges. Und diese Dinger haben bekanntermaßen die Eigenschaft begrenzter Kapazitäten. Zu meinem großen Leidwesen, stehe ich aber eben auf Penetrationssex und Penisse und bin immer mit vollem Gefühl dabei(letzteres werde ich auch nicht ändern, es ist eine Fähigkeit und kein Makel).

2. Sich nicht zu melden – und sei es eben mit der Botschaft einer Absage – ist nicht die Vermeidung von Kränkung o.ä. sondern ihre pure Manifestation: Es ist nämlich schlicht abwertend. Eine eigene Unfähigkeit wird auf die andere Person abgewälzt, der befreiende Charakter, den ein schon gefühltes aber nicht ausgesprochenes ‚Nein‘ haben kann, verwehrt.

Zu 3. Ich finde Sex besonders erquickend, wenn er sich zwischen den Menschen entwickelt, also über einen gewissen Zeitraum, wachsende Vertrautheit, seine vollen Potenziale entfaltet. Da ich keine Verfechterin der Körper-Seele-Trennung bin, bedeutet für mich ein Date nicht nur die Prüfung von und ggf. Öffnung für Sex-Möglichkeiten, sondern auch ein gewisses emotionales Engagement. Und davon profitiert mein Gegenüber, denn ohne Hingabe kein Highlight.

Jetzt 3.: Es kann eine Begegnungsform geben, bei der es um eine intime Erkundigung, liebevoll, wertschätzend geht, um eine gewisse Zeitspanne und eine gewisse Zugewandtheit, ohne dass ein romantisches-wievielemenschauchimmer-Dings angestrebt wird. Also ein selbstgemachtes und mit Vergnügen geteiltes Dazwischen.

Lilo Hermann

Das beginnt schon abwegig. Der erste Text hat nichts mit Sex zu tun. Aber mit der Stadt und zwischenmenschlichem Gedöns. Und Aktivismus.

Eine meiner liebsten Freund_innen hat mir vor ein paar Tagen erzählt, sie hätte ein Foto für mich gemacht: Antifaschistischer Spaziergang durch Lichtenberg, Statue im Gedenken an Liselotte Hermann. „Lilo“ Hermann ist eine der ersten deutschen Frauen* im antifaschistischen Widerstand gewesen, die trotz Verantwortung für ein Kleinkind 1938 von Nazis ermordet wurde(vor Gericht verurteilt, Todesstrafe). Beiden wurde ein Leben genommen in Folge ihrer Aktivitäten. Ich finde es wichtig, dieses Ergebnis nicht als quasi logische oder direkte Konsequenz ihrer politischen Position zu betrachten: Es ist eine politisch motivierte Handlung anderer Personen gewesen, eine Entscheidung, die sich an Charakteristika der Person Liselotte orientierte. Das Opfer einer Gewalttat ist nicht als mitverantwortlich zu betrachten, die Gefühle, die mensch in anderen hervorruft, gehören denen und liegen nicht in meiner Verantwortung.

Aber ich weiß natürlich, welche Codes ich bedienen muss und während meine Freundin aus Stolz und Liebe für mich mir dieses Bild als Empowerment und Orientierungsgröße, als Vorbild vllt., schenken wollte, habe ich Gänsehaut bekommen und überlege seither, wo ich heute hingehe und was ich da tragen kann. Also welche Aufnäher, welche Schuhe, wie viel schwarz. Und was eigentlich in meiner Jugend als Provokation – also als Begehren nach der abwehrenden oder aggressiven Reaktion eines ‚spießigen‘ oder blinden Umfeldes – seinen Anfang genommen hat, soll genau deshalb jetzt abgelegt werden? Klar, ich kleide mich oft gezielt: Gehe ich im elendig poshen friedrichshainer Südkiez auf den Spielplatz, will ich klar haben, dass mich nur Personen ansprechen, die dann auch damit klarkommen, wer ich bin. Abgrenzungsspielchen. Bin ich auf der Straße unterwegs, bin ich ohne Kind, klar, gibt es verschiedene Strategien. Es gibt auch mal das ach-drauf-geschissen-ich-will-mich-wohlfühlen und natürlich auch das: mein-Körper-ist-mir-ein-inneres-Fest-und-ihr-dürft-das-sehen.

Aber neuerdings gibt es auch ängstliche Untertöne: Ich bin nach Hohenschönhausen unterwegs, EbayKleinanzeigen führt mich und das Kind an meiner Seite in die Gegend, in der ich zur Schule gegangen bin. Der erste Impuls ist ganz klar, der Hass sitzt tief, ich bin keine Person, die pures Licht verkörpert. Aber dann sehe ich ein paar Jugendliche, die mich mulmig stimmen: Ich bin nicht allein unterwegs. Und ich schlage eine Stoffseite um, um für den weiteren Weg und mögliche Verhandlungen mit einer wie auch immer politisch positionierten EbayKleinanzeigen-Verkäuferin einen Aufnäher zu verbergen. An einem anderen Tag wiederholt sich das Gefühl in Lichtenberg beim Umsteigen mit Buggy, nur dass ich dieses Mal nichts umschlagen kann und mich in meiner Klamotte irgendwie nackt und schutzlos fühle.

Selbstverteidigung für zwei?

Ich weiß aus anderen übergriffigen Situationen mittlerweile, dass ich mit Kind(mittlerweile fast halbsogroßwieich) kaum weg rennen kann und dass ich Angstmomente in seinem Leben vermeiden möchte. Und liegt es dann nicht in meiner Verantwortung, mich so zu reduzieren, dass meine Anwesenheit in seinem Leben nicht genau diese Momente provoziert. Also sollte ich in keinerlei Weise mehr auffallen? Kann ich auf Demos mit gewissem Aktionspotential mitlaufen, wenn ich weiß, es würde uns beiden das Herz brechen, würde ich verhaftet?

Ich habe diesen Sommer eine Diskussion aufgeschnappt, ob die Teilnahme bei einer Demonstration inkl. der Gefahr der Einkesselung und eventuellen Trennung von Kind und Bezugsperson als Kindeswohlgefährdung betrachtet werden könnte. Ein Teil von mir empört sich bei dem Gedanken – aber das Herz, das so lange über dem eines anderen Menschen geschlagen hat, fragt leise: Darf ich Ich sein, wenn dieses Ich ein mindestens emotionales Risiko für mein Kind bedeutet? Und wieder: Die Feministin in mir, kennt eine Antwort. Aber sie ist nicht allein hier drin. Und auch durch den kräftigenden Support meines ausgewählten Umfeldes dringt immer wieder das schlechte Gewissen, die Über-Ich-Last der deutsch-katholischen Mutter, zu der meine Familie mich gern gemacht hätte. Ich kann das nicht allein abschütteln.

Organisation statt Rückzug

Und so ist meine Antwort nicht der Rückzug, sondern die Organisation. Ich will nicht unterdrücken, was mich treibt, kann nicht ignorieren wie mein Herz im Hals schlägt, wenn Manches gesagt wird. Aber ich kann das Mutter-Kind-Gefüge, von dem ich ein Teil bin, bestmöglich schützen: indem ich Netzwerke von emotional bedeutsamen Bezugsmenschen schaffe, indem ich Strukturen mitstricke, die im Zweifelsfall eng und enger zusammenhalten, indem wir bei Gedanken an Selbstverteidigung auch bedenken, dass manche nicht weg rennen können.

Das geht alles nur, weil die anderen mitmachen, weil ich in meinen Kontexten sagen darf(und verstanden werde): ich darf nicht hopsgenommen werden/ können wir Tagschichten machen/ was passiert, wenn ich nicht nach Hause komme/ wie eskalativ dürfen wir sein, wenn ein Kind dabei ist etceterapp.

In dem Fall hängt der Grad meiner Radikalität davon ab, dass ihr mich dabei sein lasst, obwohl ich das Ganze schwäche. Für mich ist es das Fordernste an dem Leben mit Kind, das abhängig Sein von anderen Menschen zu akzeptieren, immer wieder um Support zu bitten, immer wieder zwischen all dem Ärger um die eigene Schwäche das Gefühl eines echten Dankbarseins hervorzukramen. Ohne die solidarischen Menschen um mich herum, die sich entscheiden, sich mit mir um meiner selbst willen bewegen zu wollen, müsste ich meine Wut runterschlucken. So darf ich erfahren, dass sie mit liebender Mutterschaft vereinbar ist.

So ist auch die Idee hinter dem Bild nicht ganz fehlgeschlagen: Ich habe neuen Respekt gewonnen, vor dem, was ich tue. Und mich entschieden, es eben deshalb zu tun und noch mehr Arbeit in Fragen des Wie zu investieren. Eine Gefängnisstrafe bricht jeder_m das Herz, die Erfahrung eines Übergriffes am eigenen Körper hinterlässt bei jeder_m Narben und wir brauchen einander, um uns davor zu bewahren.