Lilo Hermann

Das beginnt schon abwegig. Der erste Text hat nichts mit Sex zu tun. Aber mit der Stadt und zwischenmenschlichem Gedöns. Und Aktivismus.

Eine meiner liebsten Freund_innen hat mir vor ein paar Tagen erzählt, sie hätte ein Foto für mich gemacht: Antifaschistischer Spaziergang durch Lichtenberg, Statue im Gedenken an Liselotte Hermann. „Lilo“ Hermann ist eine der ersten deutschen Frauen* im antifaschistischen Widerstand gewesen, die trotz Verantwortung für ein Kleinkind 1938 von Nazis ermordet wurde(vor Gericht verurteilt, Todesstrafe). Beiden wurde ein Leben genommen in Folge ihrer Aktivitäten. Ich finde es wichtig, dieses Ergebnis nicht als quasi logische oder direkte Konsequenz ihrer politischen Position zu betrachten: Es ist eine politisch motivierte Handlung anderer Personen gewesen, eine Entscheidung, die sich an Charakteristika der Person Liselotte orientierte. Das Opfer einer Gewalttat ist nicht als mitverantwortlich zu betrachten, die Gefühle, die mensch in anderen hervorruft, gehören denen und liegen nicht in meiner Verantwortung.

Aber ich weiß natürlich, welche Codes ich bedienen muss und während meine Freundin aus Stolz und Liebe für mich mir dieses Bild als Empowerment und Orientierungsgröße, als Vorbild vllt., schenken wollte, habe ich Gänsehaut bekommen und überlege seither, wo ich heute hingehe und was ich da tragen kann. Also welche Aufnäher, welche Schuhe, wie viel schwarz. Und was eigentlich in meiner Jugend als Provokation – also als Begehren nach der abwehrenden oder aggressiven Reaktion eines ‚spießigen‘ oder blinden Umfeldes – seinen Anfang genommen hat, soll genau deshalb jetzt abgelegt werden? Klar, ich kleide mich oft gezielt: Gehe ich im elendig poshen friedrichshainer Südkiez auf den Spielplatz, will ich klar haben, dass mich nur Personen ansprechen, die dann auch damit klarkommen, wer ich bin. Abgrenzungsspielchen. Bin ich auf der Straße unterwegs, bin ich ohne Kind, klar, gibt es verschiedene Strategien. Es gibt auch mal das ach-drauf-geschissen-ich-will-mich-wohlfühlen und natürlich auch das: mein-Körper-ist-mir-ein-inneres-Fest-und-ihr-dürft-das-sehen.

Aber neuerdings gibt es auch ängstliche Untertöne: Ich bin nach Hohenschönhausen unterwegs, EbayKleinanzeigen führt mich und das Kind an meiner Seite in die Gegend, in der ich zur Schule gegangen bin. Der erste Impuls ist ganz klar, der Hass sitzt tief, ich bin keine Person, die pures Licht verkörpert. Aber dann sehe ich ein paar Jugendliche, die mich mulmig stimmen: Ich bin nicht allein unterwegs. Und ich schlage eine Stoffseite um, um für den weiteren Weg und mögliche Verhandlungen mit einer wie auch immer politisch positionierten EbayKleinanzeigen-Verkäuferin einen Aufnäher zu verbergen. An einem anderen Tag wiederholt sich das Gefühl in Lichtenberg beim Umsteigen mit Buggy, nur dass ich dieses Mal nichts umschlagen kann und mich in meiner Klamotte irgendwie nackt und schutzlos fühle.

Selbstverteidigung für zwei?

Ich weiß aus anderen übergriffigen Situationen mittlerweile, dass ich mit Kind(mittlerweile fast halbsogroßwieich) kaum weg rennen kann und dass ich Angstmomente in seinem Leben vermeiden möchte. Und liegt es dann nicht in meiner Verantwortung, mich so zu reduzieren, dass meine Anwesenheit in seinem Leben nicht genau diese Momente provoziert. Also sollte ich in keinerlei Weise mehr auffallen? Kann ich auf Demos mit gewissem Aktionspotential mitlaufen, wenn ich weiß, es würde uns beiden das Herz brechen, würde ich verhaftet?

Ich habe diesen Sommer eine Diskussion aufgeschnappt, ob die Teilnahme bei einer Demonstration inkl. der Gefahr der Einkesselung und eventuellen Trennung von Kind und Bezugsperson als Kindeswohlgefährdung betrachtet werden könnte. Ein Teil von mir empört sich bei dem Gedanken – aber das Herz, das so lange über dem eines anderen Menschen geschlagen hat, fragt leise: Darf ich Ich sein, wenn dieses Ich ein mindestens emotionales Risiko für mein Kind bedeutet? Und wieder: Die Feministin in mir, kennt eine Antwort. Aber sie ist nicht allein hier drin. Und auch durch den kräftigenden Support meines ausgewählten Umfeldes dringt immer wieder das schlechte Gewissen, die Über-Ich-Last der deutsch-katholischen Mutter, zu der meine Familie mich gern gemacht hätte. Ich kann das nicht allein abschütteln.

Organisation statt Rückzug

Und so ist meine Antwort nicht der Rückzug, sondern die Organisation. Ich will nicht unterdrücken, was mich treibt, kann nicht ignorieren wie mein Herz im Hals schlägt, wenn Manches gesagt wird. Aber ich kann das Mutter-Kind-Gefüge, von dem ich ein Teil bin, bestmöglich schützen: indem ich Netzwerke von emotional bedeutsamen Bezugsmenschen schaffe, indem ich Strukturen mitstricke, die im Zweifelsfall eng und enger zusammenhalten, indem wir bei Gedanken an Selbstverteidigung auch bedenken, dass manche nicht weg rennen können.

Das geht alles nur, weil die anderen mitmachen, weil ich in meinen Kontexten sagen darf(und verstanden werde): ich darf nicht hopsgenommen werden/ können wir Tagschichten machen/ was passiert, wenn ich nicht nach Hause komme/ wie eskalativ dürfen wir sein, wenn ein Kind dabei ist etceterapp.

In dem Fall hängt der Grad meiner Radikalität davon ab, dass ihr mich dabei sein lasst, obwohl ich das Ganze schwäche. Für mich ist es das Fordernste an dem Leben mit Kind, das abhängig Sein von anderen Menschen zu akzeptieren, immer wieder um Support zu bitten, immer wieder zwischen all dem Ärger um die eigene Schwäche das Gefühl eines echten Dankbarseins hervorzukramen. Ohne die solidarischen Menschen um mich herum, die sich entscheiden, sich mit mir um meiner selbst willen bewegen zu wollen, müsste ich meine Wut runterschlucken. So darf ich erfahren, dass sie mit liebender Mutterschaft vereinbar ist.

So ist auch die Idee hinter dem Bild nicht ganz fehlgeschlagen: Ich habe neuen Respekt gewonnen, vor dem, was ich tue. Und mich entschieden, es eben deshalb zu tun und noch mehr Arbeit in Fragen des Wie zu investieren. Eine Gefängnisstrafe bricht jeder_m das Herz, die Erfahrung eines Übergriffes am eigenen Körper hinterlässt bei jeder_m Narben und wir brauchen einander, um uns davor zu bewahren.

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