Rezension: Chilling Adventures of Sabrina

Chilling Adventures of Sabrina

* Spoiler-Alarm *

Aufgrund der Empfehlungen aus meiner Fantifa-Gruppe habe ich die Serie obenstehenden Titels angefangen und noch während ich mitten im Handlungsverlauf steckte, musste ich zu schreiben beginnen. Vorab: Sie kann was, aber sie ist mit Vorsicht zu genießen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verzaubert. Irritiert vielleicht. Aber das will Film ja: emotionale Reaktionen. Sabrina lebt mit ihren Tanten, das kennen wir schon. Aber nicht so widerständig und feministisch, mit Versuchen ins queere. Nichtsdestotrotz laufen da fast ausschließlich standard’schöne‘ Menschen ins Bild und die einzige als eher Cis-Frau zu lesende etwas weicher gezeichnet Person ist es eben äußerlich wie innerlich – weicher: Tante Hilda, die eher die sanften Seiten der Mütterlichkeit oder Fürsorge verkörpert und die Küche beherrscht.

Was mich in den Bann gezogen hat, ist die Entwicklung, die alle Charaktere beginnen – nicht nur die Protagonistin. So auch Hilda: Ohne bitter vorwurfsvoll zu sein artikuliert sie ihre Verletztheit durch den psychische wie physischen Missbrauch durch ihre Schwester, die sie zeitlebens zu dominieren schien (es sei ihr satansgegebenes Recht). Liebt sie trotzdem, liebt trotzdem und vergibt (klar, klassisch weiblich, aber es geht ja bei der Revolution nicht darum, dass wir alle härter werden, sondern m.E. darum, dass alle weicher sein dürfen) und sucht sich einen Job. Das ist natürlich eher klassisch feministisch: Unabhängigkeit durch Karriere. Aber dieser Generation entspringt Hilda ja auch und tatsächlich bin ich noch nicht sicher, ob die Serie einen antikapitalistischen Anspruch hat. Oder gar einen kirchenkritischen. Denn der Entwurf der Kirche der Nacht orientiert sich sehr an der realweltlichen Vorlage. Aber das sind vllt. Fragen, die sich erst mithilfe der 2. Staffel oder bei Betrachtung des Ganzen, wenn es abgefilmt sein wird, beantworten lassen.

Reizvoll finde ich, dass mehrere Figuren mit echtem Potential entworfen werden, so auch Sabrinas Freundinnen Roz und Susie. Und bei vielen erfolgt keine klare moralische Zuordnung hinsichtlich ‚gut‘ und ‚böse‘, was angesichts der inhaltlichen Vorlage ja ein Leichtes wäre.

Sabrina hat da einen eigenen Grundsatz: „Ich kenne keine Schmerzgrenze, um den Leuten zu helfen, die ich liebe.“ Mh, weiblich identifizierte Wesen dürfen als böse klassifizierte Dinge tun, wenn sie aus Liebe handeln. Naja gut, sie ist keine Anarcha. Die teuflische Agentin Mrs. Wardwell (offenbart sich am Ende der Staffel als Lilith) agiert zwar im Auftrag des dunklen Lords, stützt indirekt aber Sabrinas Persönlichkeitsentfaltung, erlaubt ihr, in einer Person gut und böse zu einen. Sabrina ist nicht Über-Ich lastig und sie ist nicht von Ängsten geleitet. Leider aber auch relativ unreflektiert. Sie weiß immer, was richtig ist. Nach meiner Lebenserfahrung würde ich aber sagen, emotionale und soziale Stärke rühren daher, dass mensch Zweifel zulässt(die Frage, ob sie Hexe wird oder nicht, zählt nicht: es wahr total absehbar, was sie dazu denkt, die Lösung kam dann sogar eher aus dem Außen als aus ihr). Mut braucht, wer Angst hat. Oder sagen wir: Mag sein, dass da Angst und Zweifel auftauchen aber in schwierigen Entscheidungssituationen ist sie sehr effektiv. Vielleicht übersteigt der Wunsch nach sichtbaren Ambivalenzen auch die Möglichkeiten eines Seriencharakters. Irgendwo im Verlauf der Dialoge taucht im Gespräch mit Nicholas, einem jungen Hexer, der Sabrina gerne näher wäre, die Erklärung auf, dass Hexen weniger intensiv fühlen. An anderer Stelle kommentiert Ambrose den Selbstmord zweier Sterblicher mit der Feststellung, dass diese Jahreszeit(Herbst/ sagen wir das Äquivalent zum deutschen November) den Sterblichen oft auf die Stimmung schlüge. Sabrinas ‚Halbblütigkeit‘ also die psychologische Lösung. Mag sein, dass ich auch deshalb nur eine Woche brauchte, um die Staffel durchzusehen: Sie macht gute Laune.

Nun aber zum absoluten Manko: Sex ist zumindest in der ersten Staffel an die lasterhaften Frauenfiguren(Sabrinas (anfängliche) Rivalin Prudence, eine Person of Color, die Femme Fatale Mrs. W. und den schwulen Cousin (auch Poc) Ambrose, gekoppelt. Autsch. Wirklich?

Ach es gibt da noch Tante Zelda(deren biografischer Hergang noch nicht so klar ist, ihre Motive ebensowenig), die erfüllt dann den SM-Teil der Hexenphantasie.

Sabrina lebt eine hoffnungslos romantische, weiße, monogame fast christliche, heterosexuelle Liebesbeziehung. Der Mensch, den das betrifft, ist zwar als radikaler Gegensatz zu den schwer männlichen Minenarbeitern entworfen – hat Gefühle, redet drüber, die beiden sorgen emotional füreinander relativ gleichberechtigt. Aber ich komme über diese blonde Jungfrau nicht hinweg. Und auch nicht darüber, dass die geschickt ‚böse‘ agierenden Frauenfiguren Ausschnitte bis zum Bauchnabel haben. Diese Gleichsetzung von Brüsten und Böse, sexpositiv und intrigant ist mir zu simpel. Musste das sein?

Dann noch der Hinweis, dass Hexen eher zu Lust und Sex in der Lage wären, denn zu Liebe(was an sich von vielen Interaktionen widerlegt wird, z.B. von Zeldas Bedürfnis, eine Neugeborene vor ihrem Vater zu schützen und in ihr Leben zu übernehmen). Das führt dann im Umkehrschluss zu der Annahme, diejenigen weiblichen Figuren, die Sex haben/wollen, können dies nur, weil sie weniger fühlen und rettet damit die Tugendhaftigkeit der im Allgemeinen ja eher fühlenden Frau(in der Welt, die vor dem Fernseher sitzt).

Erst nach ihrer Verwandlung legt sich Sabrina etwas Kokettierendes zu. Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Figur sich derart entwickeln würde. Aber sie verliert Ihre Unschuld nicht durch Sex, sondern durch Tötungen und gewinnt den möglicherweise sexpositiven Spielgeist erst mit Vervollkommnung ihrer Hexigkeit. Was soll denn die Zuschauer_in da lernen? Sex-haben-wollen ist immer noch nicht normal.

Als Serie für Jugendliche ist es sicher schön, verschiedene Personen bei ihren Arrangements mit dem, was ihnen mitgegeben wurde und dem, was sie für sich wollen, zu begleiten. Ich denke die Orientierung an einer bestimmten Zielgruppe(mehrheitlich us-amerikanischer Jugendlicher??) beschränkt sie aber in ihrer Aufrichtigkeit und führt dazu, dass sie unter dem Deckmantel gewisser alternativer Entwürfe konservative, sexistische Annahmen eher bestätigt. Mal sehen, ob mich Staffel 2 Lügen straft!

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